Verbraucher werden immer illoyaler, Werbungstreibende
immer aktionistischer. Das verlangt einen völlig neuen Typus
von Werbeagentur. Zum Glück gibt es den schon – zumindest
in Bayern!
Die deutsche Agenturlandschaft wird nach wie vor
von zwei Agenturcharakteren geprägt: Es gibt die klassischen
Branding-Agenturen, die primär in Markedenken. Und es gibt
die Spezialisten, die vorrangig in „Selling“ denken:
Spezial-agenturen für Dialogmarketing, Verkaufsförderung
oder Handelsmarketing und und und. Und selbst diejenigen, die
sich damit rühmen, interdisziplinär in integrierten
Kampagnen zu denken, sind doch meist auf einer dieser beiden Seiten
zu Hause.
Seit Ende der 90er Jahre hat ich die kommunikative
Szenerieaber grundsätzlich geändert: Aus dem Smart-Shopper
wurde der Ego-Shopper, Loyalitäts-Marketing bildet die Königsdisziplin
des Marketings, und selbst große Marken sind gezwungen,
ich täglich auf neue Situationen einzustellen. Rabatt-Schlachtentoben
an allen Ecken und auch A-Marken (wie z.B. die Automobilindustrie)
wollen durch Schnäppchen-pakete ihr Klientelzufrieden stellen.
Und während Industrie und Dienstleister allmählich feststellen,
dass sie – bei aller Kontinuität in der Markenführung
- auch den „Selling-Effekt“ leben müssen, entdeckt
der Handel, dass für ihn über das Verkaufen hinaus auch
Branding immer wichtiger wird.
Es findet also ein echter Umbruchstatt. Auf Seiten
der Kunden, auf Seiten der Agenturen. Nur: Wieso oft in Zeiten
eines Umbruchs schießen die Beteiligten gern über das
Ziel hinaus. Oder wie sonst lässt es sich erklären,
dass es in den letzten Jahren kaum noch echte Werbe-Kampagnen
gibt? Wo sind die Langfrist-Kampagnen mit einer zentralen Kommunikations-Idee?
Mit einer gedanklichen Guideline durch alle Medien, für den
berühmten Anker im Kopf des Verbrauchers?! Wenn man sich
die aktuellen Arbeiten in Print und in den elektronischen Medien
ansieht, so lebt eigentlich nur noch eines: Die Einzel-Idee! Der
TV-Spot, der mit der Anzeigen-Kampagnenichts mehr zu tun hat.
Ein Direktmarketing, das eigene Wege geht. Oder POS-Maßnahmen,
die die Kernkompetenz ins Kleingedruckte verbannen. Dabei lässt
sich die generelle Anforderung an die kommunikativen Aufgaben
der nächsten Jahre ganz einfach zusammen fassen:
Der Aufbau und die Pflege von Unternehmen und Marken braucht einerseits
imageorientierte Maßnahmen mit hoher Uniqueness und auf
der anderen Seite absatzorientierte Aktivitäten mit starken
und schnellen Resultaten.
Eigentlich ganz einfach. Trotzdem scheint dies ein
Spagat zu sein, der vielen Werbeagenturen (noch) nicht gelingt.
Der moderne Agenturtypus muss diesen Spagat aber beherrschen.
Er versteht die Leute im klassischen Marketing genauso wie die
Leute im Vertriebsmarketing. Er begeistert die Hüter der
Markenwerte genauso wie die Befürworter der Umsatz-Optimierung.
Kurz gesagt: Er bietet nicht nur integriertes Marketing im Sinne
der unterschiedlichsten Disziplinen, sondern integrierte Kommunikation
in der Verbindung von Branding& Selling. Ganz gleich, ob er
für Konzerne oder Mittelständler tätig ist oder
seinen Schwerpunkt im Handel hat. Dieses Umdenken hat in vielen
Agenturen begonnen – aber es bedarf noch gewaltiger Umstrukturierungen
in den Köpfen der Werber. Solange man „Selling“
noch mit Schweine-bauchwerbung und mit Verkaufsförderungsaktionen
gleichsetzt, wird man den neuen Anforderungen nicht gerecht. Und
solange man Aktionismus in der Steigerung von Rabatten oder in
der Senkung von Flatrates sieht, wird man sich von seinem Kundenpotential
immer weiter entfernen. Denn: Das größte Bedürfnis
des Endverbrauchers in den nächsten Jahren wird vor allem
eines sein – und da sind sich nicht nur die Zukunftsforscher
einig: Sicherheit!
„Sicherheit“ in einer immer hektischeren Welt mit
globalem Gefüge, Sicherheit im sozialen und politischen Umfeld,
Sicherheit im Selbstwertgefühl. Also sehnt sich der Verbraucher
nachstarken Unternehmen und Produkten, bei denen er sicher sein
kann, Top-Leistung zu einem äußerst attraktiven Preis
zu bekommen. Dies glaubwürdig zu vermarkten, st aus meiner
Sicht die zentrale Aufgabe von „Branding & Selling“.
Bei der Bewältigung dieser Aufgabe haben bayerische
Werbeagenturen vielleicht einen kleinen Vorteil. Weil wir in Bayern
auf Kundenseite seit vielen Jahren eine relativ heterogene Unternehmensstruktur
haben, die von Agenturen hohe Flexibilität und permanentes
Weiterentwickeln fordert. Und auch bekommt. Zumindest bei einigen
Agenturen, die sich „Branding & Selling“ auf die
Fahnen geschrieben haben.
Willy F. Petermeier
Vorstandsvorsitzender der Partnerpool AG München